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 » Home » Aktuell » Patientenanwaltschaft warnt: Psychiatrische Versorgung in Wien ist in Gefahr
Ein Krankenhausflur. Im Vordergrung ein Infusionstropf

© iStock

Die PatientenanwältInnen bei VertretungsNetz stehen allen Menschen zur Seite, die in einer akuten Krise gegen oder ohne ihren Willen auf der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses aufgenommen werden müssen. 2021 meldeten die Wiener Krankenhäuser 3.666 zwangsweise psychiatrische Aufnahmen von Erwachsenen an die Patientenanwaltschaft. Dazu kamen auch 581 Aufnahmen von Kindern und Jugendlichen nach dem Unterbringungsgesetz. „Im Vergleich zum letzten Jahr vor der Pandemie, 2019, sind das um 4 % mehr Unterbringungen bei Erwachsenen und von dramatischen 23 % mehr bei Kindern und Jugendlichen“, stellt Rita Gänsbacher, Bereichsleiterin der Patientenanwaltschaft für Wien, fest.

Die hohe Zahl der Kinder und Erwachsenen, die stationär aufgenommen werden müssen, trifft auf immer eklatantere Versorgungsmängel. Die vielen nicht besetzten Stellen in den psychiatrischen Abteilungen führen derzeit in mehreren Spitälern zu Betten- und Stationssperren. Betroffen sind neben der Klinik Hietzing auch Penzing und Landstraße (früher Otto-Wagner-Spital und Rudolfstiftung), die Klinik Floridsdorf könnte folgen. Eine seit Jahren bezugsfertige kinderpsychiatrische Station wurde dort nie eröffnet, weil kein/e Kinder/JugendpsychiaterIn gefunden werden konnte.

Security-Mitarbeiter dürfen niemanden ans Bett gurten

Menschen in akuten psychischen Krisen wie etwa unmittelbar nach einem Suizidversuch oder während einer manischen Psychose brauchen viel Pflege und Unterstützung, um sich zu stabilisieren. „Dennoch sind z.B. nachts derzeit für zwanzig untergebrachte PatientInnen auf einer Akutstation vielfach wieder nur zwei Pflegepersonen im Einsatz. Das ist nicht zu schaffen. Man kann das nicht anders als fahrlässig bezeichnen“, stellt Gänsbacher klar.

Wenn die verbale Deeskalation nicht ausreicht, um aufgebrachte PatientInnen zu beruhigen, werden in der Regel Mitarbeiter von-Security-Diensten dazugeholt, um die Menschen festzuhalten und ans Bett zu gurten. „Das Fixieren und Angurten in akuten Erregungszuständen ist aus guten Gründen ausschließlich psychiatrischem Fachpersonal vorbehalten. Security-Dienste sind dazu weder ausgebildet noch berechtigt,“ betont Gänsbacher. Nur entsprechend geschulte Pflegekräfte können in Gefahrensituationen sich wehrende und um sich schlagende Menschen ohne Verletzungsgefahr sichern.

Der beschriebene Ausnahmezustand ist eher die Regel auf psychiatrischen Stationen: Knapp jede/r zweite zwangsweise untergebrachte PatientIn ist in Wien von solchen weitergehenden Beschränkungsmaßnahmen wie etwa Angurten betroffen. Die Bundeshauptstadt verzeichnet in diesem Bereich mit 49 % den höchsten Wert in ganz Österreich. In Salzburg etwa sind nur 28 % der untergebrachten PatientInnen betroffen.

Rasches Handeln nötig, um Kollaps zu verhindern

Gänsbacher fordert rasche Maßnahmen, um die gefährdete psychiatrische Versorgung in Wien abzusichern. Viele Aufenthalte auf der Psychiatrie ließen sich sogar vermeiden, ist die Patientenanwältin überzeugt: „Wichtig wären mehr Hometreatment-Angebote, also eine Behandlung von Erkrankten in ihrem Zuhause, durch Krisenteams aus FachärztInnen, PsychotherapeutInnen, Pflegekräften und SozialarbeiterInnen. Die Menschen bleiben in ihrem gewohnten Umfeld und stabilisieren sich oft schneller und nachhaltiger.“ Der Vorteil für die Kliniken wäre z.B., dass die Nachtdienste entlastet würden.

Für schwierige Akutfälle braucht es aber weiterhin genügend freie Betten im Spital. Gänsbacher: „Es muss nun so schnell wie möglich eine Ausbildungsoffensive auch für die psychiatrische Pflege in Angriff genommen werden, damit der Betrieb überhaupt aufrechterhalten werden kann. Wir dürfen keine Zeit verlieren, die Situation ist mittlerweile wirklich prekär.“ In Bezug auf die angekündigten Pflegereformmaßnahmen wurde der psychiatrische Sektor leider nicht einmal thematisiert. Gut aufgestellte und ausgebildete psychiatrische Pflege ist ein Grundpfeiler der stationären und mobilen Akutpsychiatrie.